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nun sind schon wieder einige wochen vergangen. ich bin längst zurück gekehrt. in meinem bericht fehlen aber noch ein paar wichtige ereignisse, über die ich unbedingt berichten möchte, zum beispiel unsere erlebnisse rund um das aid al-adha oder el-kebir, das islamische opferfest. denn ausgerechnet in diesen tagen wollten wir ein wenig an der küste entlang reisen….
am 4. dezember wurde das projekt feierlich mit der ausstellungseröffnung im cube beendet. am nächsten tag brachte ich meine eltern zum flugzeug und fuhr gleich anschließend nach casablanca um tristan abzuholen. ein gast jagte den anderen, quasi. aber es war schön und interessant zu sehen, wie rabat und marokko auf die anderen wirkte.
jedenfalls hatte ich nun freizeit, abgesehen von einigen nachbereitungsangelegenheiten. tristan und ich nahmen uns vor zu reisen. wir wollten die küste südlich von rabat erkunden. einfach mal raus aus der stadt. ein bisschen ferien machen, die luft genießen, uns an uns und dem meer erfreuen… na eben ganz unbeschwert urlaub machen.
doch diese reise stand unter keinem guten stern. gleich der erste zug hatte eine stunde verspätung. tristan meinte, dass heiße nichts gutes. mir dagegen war das noch völlig egal, schließlich hatte ich mich an marokkanische verhältnisse gewöhnt, und außerdem hat die deutsche bahn auch oft beträchtliche verspätungen. im zweiten zug war die luft außergewöhnlich stickig. erschwerend kam hinzu, dass mir gegenüber eine junge frau saß, die ganz ungerührt aus einer ihrer tausend täschchen ein fläschchen nagellackentferner holte und sogleich ihre fingernägel mittels dessen von altem nagellack befreite. wer sich jetzt denkt, dass dies doch nicht so schlimm sei, der gehe bitte sofort ins bad und halte seine nase direkt an die öffnung der nagellackentfernerflasche. so und noch viel schlimmer war der geruch im zug. mir war ein bisschen übel.
wir fuhren nach el-jadida. als wir aus dem bahnhofsgebäude kamen, waren die anderen reisenden schneller als wir und schnappten uns alle taxis vor der nase weg. als wir später auch in einem saßen und richtung stadt fuhren, wurden wir direkte zeugen eines auffahrunfalls. es handelte sich bei dem beschädigten fahrzeug um unser taxi. wir ließen uns an der strandstraße absetzen, dort wo die hotels ansässig waren. wir gingen gleich in das erstbeste, mussten es aber unverrichteter dinge wieder verlassen, weil ich keinen pass bei mir hatte. den ließ ich vorsorglich zu hause, damit er nicht wegkommt… was ein schwerwiegender fehler war, denn man MUSS einen pass vorweisen um ein zimmer zu bekommen. dies ist polizeilich vorgeschrieben.
wir befanden uns also schlagartig in einem dilemma: nach hause wollten wir nicht gleich wieder fahren, aber um weiter reisen zu können, brauchte ich meinen pass, denn ohne diesen konnten wir alles weitere vergessen. ich telefonierte zu meinen kontaktpersonen in rabat um hilfe, dass man mir den pass aus meiner wohnung hole und ihn scanne, damit ich wenigstens eine kopie habe. in der zwischenzeit konnten wir in einem anderen hotel die rezeptionsdame überreden, uns ein zimmer zu geben, was erst möglich war, nachdem tristan eine erklärung unterschrieb, in der stand, dass wir verheiratet sind. zudem teilte man uns mit, dass wir aber sowieso am nächsten tag 8:00 h das hotel verlassen müssen, da es dann schließen würde. der grund war LA FÈTE….
aber daran dachten wir an diesem abend noch nicht ernsthaft. einerseits waren wir erleichtert, einfach nur ein zimmer zu haben und die nacht nicht draußen verbringen zu müssen, denn es regnete in abständen immer wieder. andererseits wussten wir aber nicht recht, was weiter passieren und ob es überhaupt sinn machen würde die reise fortzusetzen, da über allen gedanken an weitere vorhaben die diffuse vorstellung von LA FÈTE schwebte. je später der abend, desto elender fühlten wir uns, da es kalt und nass war und das zimmer sich als muffig, ebenfalls kalt und dadurch sehr unwirtlich herausstellte. wir beschlossen, eine münze zu werfen. kopf hieß: weiter fahren. zahl: nach hause. wir warfen erst zahl. dann kopf. und dann nochmal zahl.
nächster morgen, 8. dezember, tag des festes. punkt 8 uhr standen wir frierend und müde vor dem hotel. die straßen waren wie leer gefegt. wir baten den portier uns ein taxi zu rufen. wir meinten eigentlich telefonisch, aber er kam auch freundlicherweise mit auf die straße – und konnte dennoch kein taxi herbeizaubern. also schritten wir verzagt in richtung bahnhof, der einige kilometer außerhalb der stadt lag. ein petit taxi nahm uns mit, dessen fahrer uns kopfschüttelnd erklärte, dass doch heute der tag von LA FÈTE sei und keine züge fahren würden. ich hatte ja schon gehört, dass es ein wichtiges fest ist – in seiner tragweite ungefähr mit unserem weihnachten vergleichbar. aber zu weihnachten fahren doch züge, erinnerte ich mich noch… da kam schon der bahnhof von el-jadida in sichtweite. keine menschenseele war zu sehen, außer zwei bahnhofswärtern, die vor dem geschlossenen bahnhofstor standen und abwehrend mit den armen winkten. wir stiegen gar nicht erst aus. unser taxifahrer, der sehr gesprächig war und mir noch auf der fahrt zum bahnhof die lange liste aller frankophonen staaten afrikas namentlich aufzählte, meinte, wir könnten noch glück haben und ein grand taxi erwischen, denn es war ja erst 8:30 uhr. er hatte recht. in windeseile packte man unser gepäck in den alten mercedes benz, in dem wir die einzigen fahrgäste waren (normalerweise sechs fahrgäste plus fahrer, manchmal mehr) und scherzte, ob wir nicht zum fest bleiben wollen, man würde uns zum schlachten in die familie einladen… he he… ich lehnte freundlich dankend ab.
wir rumpelten also von el-jadida über die landstraßen zurück nach casablanca, vorbei an kleinen dorfgemeinden, in denen gottesdienste unter freiem himmel abgehalten wurden, oder sich feierlich gekleidete menschenmengen vor der moschee versammelten. dies war die phase vor dem opferakt, welcher dann zwischen 10 und 11 uhr stattfand. der könig ist derjeninge, der dem ersten hammel im land die kehle durchschneidet. dann darf das volk beginnen.
wir kamen im menschenleeren casablanca nach einer stunde fahrtzeit an. an einer roten ampel sprang der taxifahrer aus dem wagen und fragte den fahrer des petit taxis vor uns, ob er uns mitnehmen würde. der mann sagte zu. wir hasteten schnell ins nächste gefährt. der fahrer raste zum taxistand für die taxis mit richtung rabat. aber dort stand kein taxi mehr. die uhr tickte. um 10 uhr wollte offensichtlich jeder zu hause sein. schon jetzt lag die stadt wie ausgestorben da. es herrschte eine seltsame stimmung – jedenfalls kam es uns so vor. ein paar jungs schürten bereits das feuer für einen grill, auf welchem in kürze der kopf des hammels schmoren würde. sie verwiesen uns zum busbahnhof. die letzte chance aus casablanca weg zu kommen bevor die schlachtungen beginnen würden. wir hätten ja nicht einmal ein café aufsuchen können, denn alles war geschlossen.
aber, dem himmel und wer auch immer darin welche fäden zieht sei dank, genau 10 uhr fuhr ein CTM-reisebus nach rabat. wir hatten fünf minuten um einzusteigen. erleichterung!
bis hierher lief die rückreise also reibungslos. komisch. alles deutete darauf hin, dass wir wohl nach rabat gehörten und keine reise ins land unternehmen sollten. auch als wir am rande rabats mit dem gepäck an der straße standen und uns schon mit dem gedanken abgefunden hatten laufen zu müssen, hielt ein auto mit einem freundlichen fahrer an und fragte, ob wir mit in die stadt fahren möchten. er kam gerade aus ifrane, einer stadt in den bergen, und wollte seine familie in rabat besuchen. auf dem rücksitz befanden sich tupperdosen mit salaten für das festessen. er war, wie alle anderen personen, die uns an diesem tag begegneten, sehr freundlich und hilfsbereit. er fuhr uns nicht nur ins stadtzentrum, sondern direkt vor die haustür. sehr nett. wir waren ihm unendlich dankbar.
die freude über diese geglückte rückreise war groß und konnte anfangs auch nicht von dem gigantischen grill getrübt werden, der direkt unter dem fenster unserer wohnung installiert war, und auf welchem bereits mehrere hammelköpfe schmorten. es qualmte in dicken schwarzen schwaden – geradewegs die hauswand hoch. ich wohnte im ersten stock. als wir die wohnunsgtür aufmachten, fielen wir fast um: die wohnung war blau vor qualm. es stank nach versengter haut, knochen und horn. ein widerlicherer geruch ist mir selten begegnet… er hing noch zwei tage nach dem fest in der wohnung. ich werde ihn nie vergessen.

wir verließen das haus und kehrten erst am späten abend wieder zurück. auf unseren streifzügen durch die stadt und am strand entlang hatten wir das gefühl von endzeit. überall kamen uns die blutverschmierten schlächter entgegen, wir sahen umgekrempelte tierhäute an den straßenrändern aufgehäuft liegen, die wie weiße, aufgeschlitzte bäuche aussahen, blut rann in kleinen bächen die rinnsteine entlang und überall qualmten die offenen feuer in den straßen, auf denen die hammelköpfe verkohlten. wir hatten zwar viel und lange über dieses fest diskutiert, vor allem unter dem gesichtspunkt der zustände von tierhaltung und -schlachtung in unserem heimatland und der art und weise des rituellen tötens und des teilens in familie und nachbarschaft und so weiter. aber ich fand es trotzdem schrecklich. (ich bin seit 16 jahren vegetarier. ich lehne praktisch jede form von tiertötung ab.)

… fortsetzung folgt.
































